Eine Liebe in anderen Zeiten, Wer sich als Leser für eine Biographie entscheidet, sollte eine gewisse Affinität zu der beschriebenen Person haben. Lou Andreas-Salomé ist sicher keiner breiten Leserschaft bekannt, im Gegensatz zu Rilke, dem geliebten oder auch verspottetem Lyriker, der aus einer anderen Welt kam. Gunna Wendt hat sich mit der Zeit und den Zeitgenossen sehr befasst und dabei ist ein erfreulich überschaubares und profundes Werk entstanden. Die ungeheuer emanzipierte Andreas-Salomé nahm sich nur das was ihr gefiel und ging dabei gnadenlos mit ihrer Umgebung um. Männer wurden als Objekte betrachtet und geliebt oder "abgelegt". So war sie verheiratet mit Andreas, dem sie jedoch zur Auflage machte keinerlei intime Beziehung mit ihr haben zu dürfen und daran hielt er sich nach der Überlieferung. Doch unter welchen Schmerzen. So mutet es fast wie Hohn an, dass sie sich für Rainer Maria Rilke entschied, den Hochsensibelen und zu höchster Eitelkeit tendierenden Mann, der so viel jünger war als sie. Wendt beschreibt es trotz aller Unterschiede als eine Art "Seelenverwandtschaft" , kaum zu glauben. Doch es muss in etwa so gewesen sein. Der Erzählstil ist kurzweilig und wechselt zu den unterschiedlichsten Schauplätzen von St.Petersburg bis Worpswede. Längst vergessene Künstler wie Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Paula Modersohn-Becker, aber auch Nietzsche, der ihr zeitweise verfallen war.
Diese Biographie ist lesenwert und scheint manchmal wie aus einer anderen Zeit gefallen, was sie ja wirklich auch ist.
Der Dichter und die Vielgeliebte!, Gunna Wendt ist eine ausgewiesene Kennerin des Fin de Siecle und widmet sich häufig in ihren Biographien und Porträts Künstlerinnen der Jahrhundertwende und ihrer Beziehungen zu Männern und Frauen.
Bereits in Studentenzeiten dachte sie darüber nach, ein Buch über Lou Andreas Salome und Rainer Maria Rilke zu verfassen. Nach Büchern über Franziska von Reventlow sowie Clara Westhoff und Paula Modersohn-Becker - die jeweils die Lebenswege beider Menschen kreuzten - kehrte sie nun zu diesem früh erdachten Projekt zurück.
Sie erfreut die Leser dabei mit einem spannenden und zugleich bemerkenswerten Einblick in das Leben zweier sehr unterschiedlicher Menschen, die eine besonders innige Liebesbeziehung verband, die jedoch nicht von Dauer war.
Rilke war 20 und Andreas-Salome war 36 Jahre alt, als sie sich kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert begegneten und eine intensive Liebesbeziehung eingingen. Rilke, noch am Anfang seiner Dichterkarriere, sollte später das stets gleiche Beziehungsmuster der totalen Vereinnahmung seiner Partnerin einschließlich einer völligen Abwendung nach gewisser Zeit wiederholen. Bei Lou Andreas-Salome jedoch war dies nicht möglich. Als freier Geist mit klaren Vorstellungen für die Verwirklichung eigener intellektueller Interessen, ließ sie es erst gar nicht so weit kommen und pflegte auch während ihrer Zeit mit Rilke ihre vielfältigen Kontakte.
Gunna Wendt ist nicht nur Chronistin dieser Liebesbeziehung, sie komprimiert auch das Leben Rilkes und Andreas-Salomes bis zum Zeitpunkt ihrer Beziehung.
Lou Andreas Salomes Entwicklung zur Unabhängigkeit und geistigen Freiheit nimmt dabei den größten Teil ihrer biographischen Erzählung ein.
Die Egoistin und der Troubadur, Noch ganz berauscht von einer sagenhaften Lesung der Autorin in München, poetisch perfekt untermalt von Cohen, Nebtrebko und Xavier Nadoo, bin ich sofort nach Hause gestürzt, um das Buch zu lesen: eine Lektüre, die mir ebenso viel Genuss wie Erkenntnis beschert hat. Jetzt verstehe ich viel mehr von der Beziehung zwischen der bekennenden Egoistin - so ziemlich dem einzigen Lebens- und Entwicklungsmodell der Künstlerinnen des fin du siècle- und dem Dichter, der lieben MUSSTE, um dichten zu können.
Gunna Wendt hat dies alles mit Könnerschaft und Anmut bewerkstelligt, das Buch liest sich zeitweise fast wie ein Krimi, so spannend ist es, und man versteht, wieso diese beiden Persönlichkeit eine zwar herrliche, aber nur kurze Liebesbeziehung führen konnten (freundschaftlich blieben sie sich ja lange verbunden).
»Wendt skizziert unspektakulär und in sachlicher Darstellung die Faszination einer geistigen wie physischen Anziehung.
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